Bayerns Bildungswesen weiter ungerecht
Bayerns Bildungswesen muss Weltmeister werden und nicht Regionalligameister
Bildungsexperte Pfaffmann beklagt die unverändert schlechte Chancenverteilung
“Wir freuen uns natürlich mit den bayerischen Schülerinnen und Schülern über die guten Ergebnisse im nationalen Vergleich; leider bedeutet das gute Abschneiden bei der nationalen Vergleichsstudie nicht, dass wir im internationalen Vergleich mithalten können”, erklärt der SPD-Bildungsexperte und Vorsitzende des bildungspolitischen Ausschusses im Bayerischen Landtag, Hans-Ulrich Pfaffmann, zu den Zahlen der Pisa-Nachfolgestudie zum Schulerfolg. Pfaffmann: “Bayern ist erster in der Regionalliga. Das ist kein Grund zum Jubeln.”
“Was für die Kompetenzwerte gilt, gilt für die Verteilung von Chancen erst recht”, so der SPD-Bildungssprecher weiter. “Wenn ein Akademikerkind eine fast siebenmal höhere Chance auf einen guten Schulabschluss hat als ein Facharbeiterkind, dann ist das in der Kategorie Chancenausbeute ein grottenschlechtes Ergebnis. Und übrigens: Bayern wird da nicht besser, auch nicht unter dem Kultusminister Spaenle.”
Das Ergebnis der IQB-Studie verbessert übrigens nicht die bestehenden bayerischen Probleme, stellt Pfaffmann weiter fest. “Leistungsdruck, Angst beim Übertritt, große Klassen vor allem in den Realschule und Gymnasien, Lehrermangel und fehlende Investitionen in den Bildungsbereich sind weiterhin kein Grund zum Jubeln für den Kultusminister.”
(23.06.2010)









Die SPD schätzt offenbar die schulischen Verhältnisse in den Stadtstaaten Bremen und Berlin, wo sie seit Jahrzehnten die Verantwortung tragen. Die wären nach dieser Einschätzung dann letzte der Regionalliga und müssen absteigen.
Überall dort, wo Sie Verantwortung tragen, ist ebenfalls keine Verbesserung der schulischen Gegebenheiten eingetreten, im Gegenteil. Den Kindern und Jugendlichen in NRW, insbesondere im Ruhrgebiet, haben sie jahrzehntelang keine echten Chancen eröffnet. Die Experimente, Kinder bis zur 10. Schulklasse gemeinsam zu unterrichten, sind gescheitert. Jedes Kind ist nach seinem indivuellen Bedarf zu fördern und kann sich seine Schule deshalb auch aussuchen. Zwangsweise Verordnungen, wo jemand hinzugehen hat entgegen seines individuellen Bedarfs und seiner indivuellen Fähigkeiten sind stets zum Scheitern verurteilt.
Sehr geehrter Herr Rippel,
vielen Dank für Ihr Kommentar. Ihre Partei (Rippel ist Vorsitzender der FDP München-Ost, Anm.d.Red.) ist ja für den Kampf um Chancengerechtigkeit nicht gerade bekannt, auch wenn Sie das mit den Forderungen nach besserer Bildung immer gerne für sich proklamieren (was schon durch Ihre Befürwortung der Studiengebühren ad absurdum geführt wird). Die Realität sieht anders aus: In Wahrheit betreiben Sie knallharte Klientelpolitik und in den Umfragen erhalten Sie derzeit die Quittung dafür. Wenn die FDP sich nicht für eine etwas umfassendere und nachhaltigere Agenda erwärmen kann als stupides “Steuern runter” (um angeblich den Mittelstand zu entlasten, wobei Sie verschweigen, dass große Teile des Mittelstandes gar keine Steuern zahlt, sondern Abgaben), dann werden Sie sich in wenigen Jahren bereits in der außerparlamentarischen Opposition wiederfinden.
Was Ihre Kritik an der Bildungspolitik der SPD betrifft: Sehen Sie sich bitte das Programm etwas genauer an. Bei der Gemeinschaftsschule geht es ja genau darum, die Kinder individuell zu fördern, und zwar fächerübergreifend. Nicht alle Kinder sind in allen Fächern gleich gut, das wird Ihnen ja nicht entgangen sein. Ein Beispiel aus der Politik: Angela Merkel ist gut im Machterhalt, aber in allen anderen Fächern ist sie versetzungsgefährdet. Beispiel? Fach Wirtschaft und Finanzen: Sie kann mitunter auch Brutto und Netto nicht unterscheiden, aber damit ist sie in der Schwarz-Gelben Trauergemeinschaft ja nicht allein – oder haben Sie nicht mehr netto vom brutto versprochen? Wo bleibt das? Wenn ich den erhöhten Beitrag für meine Krankenkasse bezahlen muss, werde ich an Sie denken. Wenn ich bei der FDP ein Funktionär im Mittelbau wäre, würde ich die Füße im Augenblick ein klein wenig stiller halten; es weht Ihnen ja mitten im Sommer ein eisiger Wind entgegen, vielleicht sollten Sie sich mal fragen, woher der kommt. Vielleicht sollten Sie sich mal fragen, was Liberalismus ursprünglich bedeutete und woher die FDP kommt, und wohin Sie sich gerade bewegt.
Zur Bildungspolitik in Bayern: Die FDP ist erst seit kurzem an der Regierung und somit nicht hauptsächlich für die Ungerechtigkeiten im bayerischen Schulsystem verantwortlich zu machen. Fakt ist aber, dass die Ungerechtigkeiten nirgends in Deutschland größer sind als in Bayern. Unerträglich! Das kann nicht der Anspruch sein im Freistaat. Auch die FDP wird sich bei der nächsten Landtagswahl daran messen lassen müssen, ob sich da etwas geändert hat. Sogar Spaenle hat das mittlerweile eingesehen und will hier nachbessern. Hoffentlich gelingt es ihm, denn Chancengerechtigkeit ist essentiell für das Funktionieren der Demokratie.
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Hanitzsch
Sehr geehrter Herr Hanitzsch,
wie erwartet haben Sie scharfzüngig kommentiert – und wie immer sind Sie nicht auf die Teile eingegangen, auf aktuell die SPD Verantwortung trägt (Bremen, Berlin etc.).
Aber soweit muss man aktuell gar nicht gehen – hier ein Sachverhalt jenseits jeglicher Polemik: Ganz konkret hat das Sozialreferat der LHSt Eltern von Schülern mit seelischer Behinderung nun angekündigt, dass die Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII, welche bisher als Schulgeld gezahlt wurde für diejenigen, die auf private Schulen wie etwa der Montessori-Schulen gehen, gestrichen. Die Begründung: “Die Schulämter haben mitgeteilt, dass auch an staatlichen Schulen eine adäquate sonderpädagogische Förderung möglich sei. Das Sozialreferat der LHSt München verweist nun soweit auf … staatliche Schulen (!). Wir sind uns doch sicherlich beide einig, dass aktuell an staatlichen Schulen keine adäquate sonderpädagogische Förderung erfolgt. Ja, diesen Mangel können Sie genauso wie ich beklagen, hier muss sich dringend etwas ändern. Bis sich allerdings etwas ändert (der Beschluss zur Einführung der Inklusion ist ja erst im Feburar 2010 einstimmig im Bildungsausschuss des Bayer. LT gefasst worden), sollte diesen Eltern in einer Übergangsphasse weiterhin Eingliederungshilfe zu gewährleisten. Natürlich können Sie jetzt auch bemängeln, dass die LHSt München sparen muss, dass mehr Geld an die Kommunen fließen muss etc. etc. – viele ist richtig. Aber hier ist nach meinem Dafürhalten an der falschen Stelle gespart, da sollte etwas geschehen im Sinne dieser Eltern mit ihren Kindern, die ein Handicap haben.
Mit freundlichen Grüßen
Dieter Rippel
Sehr geehrter Herr Rippel,
ein wenig Schärfe ist durchaus angebracht, denn die schwarz-gelben Koalitionen in Berlin und Bayern blasen einen eisigen Wind durch unser Land. Die sozialen Temperaturen sinken im Takt mit Ihren Umfragewerten.
Die Arbeit der Genossen in Berlin oder Bremen habe ich nicht zu kommentieren, wenn Sie damit ein Problem haben, wenden Sie sich bitte direkt dorthin. Außerdem geben die Wahlerfolge den Genossen im Norden offensichtlich recht.
Mein Interesse an einem demokratisch gefestigten Liberalismus ist ehrlich gemeint. Ich halte die FDP für eine einst wichtige Partei im Gefüge des deutschen Parlamentarismus. Aber nicht so, wie sie sich unter dem derzeitigen Vorsitzenden in der Tradition des Möllenmannschen Rechtspopulismus und Sozialdarwinismus geriert – das ist ein gefährliches und spalterisches Zündeln, was er da betreibt, und dieser einst stolzen Partei einer Hildegard Hamm-Brücher nicht würdig.
Ihre Kritik am Sozialreferat der LH München ist am besten direkt dort aufgehoben – im Zusammenhang freue ich mich, dass es auch FDP-Funktionäre gibt, die an die Schwächeren in dieser Gesellschaft denken.
Gebe allerdings auch zu bedenken, dass Sie auf einem sehr hohen Niveau jammern. Trotz der Krise und des Sparzwanges hat die Landeshauptstadt München es geschafft, von einem Bündnis aus über 50 Sozialverbänden, -organisationen und Selbsthilfegruppen das Prädikat “soziale Stadt” zu erhalten. Das könnten Sie ruhig neidlos anerkennen.
Doch die Rolle der FDP ist natürlich die einer Oppositionspartei. Es ist gut so, dass Sie sich weiter darin üben, denn so soll es bleiben zum Besten Münchens, und auch im Bund wird es bald so weit sein. Sie werden bei der nächsten Bundestagswahl voller Einsicht diese Worte erinnern.
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Hanitzsch
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